{"id":3407,"date":"2020-10-27T17:11:51","date_gmt":"2020-10-27T17:11:51","guid":{"rendered":"http:\/\/klimaandmore.de\/?p=3407"},"modified":"2020-10-27T17:11:53","modified_gmt":"2020-10-27T17:11:53","slug":"wie-viel-regenerativen-strom-braucht-deutschland-und-was-versteht-man-eigentlich-unter-primaer-was-unter-endenergie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=3407","title":{"rendered":"Wie viel regenerativen Strom braucht Deutschland? Und: Was versteht man eigentlich unter Prim\u00e4r-, was unter Endenergie?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Frage, wie nahe Windr\u00e4der an Siedlungen stehen sollten, hat im letzten Jahr die \u00f6ffentliche Diskussion um das Thema regenerativen Strom gepr\u00e4gt. Das andere Stichwort war der 52 Gigawatt (GW) Deckel, mit dem die Deckelung des gef\u00f6rderten Ausbaus der Photovoltaik beschrieben wurde. Aber wie ist eigentlich der aktuelle Stand beim Thema regenerativer Strom? Und wie viel brauchen wir davon? Und bis wann? Damit wollen wir uns heute besch\u00e4ftigen&#8230;..<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3408\" width=\"407\" height=\"162\" srcset=\"https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/image.png 602w, https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/image-300x120.png 300w\" sizes=\"(max-width: 407px) 100vw, 407px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Laut Informationen des&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.erneuerbare-energien.de\/EE\/Navigation\/DE\/Service\/Erneuerbare_Energien_in_Zahlen\/Aktuelle-Informationen\/aktuelle-informationen.html\">Bundesministeriums f\u00fcr Wirtschaft und Energie<\/a> haben wir&nbsp;in Deutschland im Jahr 2019 244 TWh (Terrawattstunde) regenerativen Strom erzeugt. Das entspricht 42,1% am Bruttostromverbrauch von insgesamt ca. 580 TWh. 2020 k\u00f6nnte der prozentuale Anteil nochmals etwas h\u00f6her liegen, so waren es bis Ende September etwa <a href=\"https:\/\/www.bdew.de\/presse\/presseinformationen\/aktuelle-berechnungen-von-zsw-und-bdew\/\">48%<\/a>. Klingt ja eigentlich nicht schlecht. Die Frage ist aber, wie viel Strom wir insgesamt aus regenerativen Quellen brauchen, um ein klimaneutrales Land zu werden. Und da sehen die Zahlen ganz anders aus. Um dies zu vertiefen, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst den Begriff der&nbsp;Prim\u00e4renergie bzw. des Prim\u00e4renergiebedarfs erkl\u00e4ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unter&nbsp;<strong>Prim\u00e4renergie&nbsp;<\/strong>verstehen wir den gesamten Energiebedarf eines Landes, der f\u00fcr die Stromproduktion, das Betreiben von Verbrennungsmotoren in Fahrzeugen, zum Heizen unserer H\u00e4user oder auch f\u00fcr Industrieprozesse ben\u00f6tigt wird (Abb. 1). Diese Energie steht in verschiedenen Formen bzw. Stoffen zur Verf\u00fcgung: in Form von Kohle, Mineral\u00f6l, Erdgas, Kernenergie oder eben auch in Form erneuerbarer Energien. Die Einheit der Prim\u00e4renergie ist das Joule (J). Wir wollen hier die alternative Einheit Wattstunde verwenden, weil wir es so aus den Angaben unseres Stromverbrauchs gewohnt sind. So hatten wir in 2018 einen Prim\u00e4renergieverbrauch von 3.394 TWh.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Leider k\u00f6nnen wir die Prim\u00e4renergie nicht komplett nutzen, da unter anderem bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe zur Stromproduktion oder bei der Produktion von Kraftstoffen aus Erd\u00f6l ein Teil der Energie in Form von W\u00e4rme verloren geht. Den f\u00fcr uns als Verbraucher wirklich nutzbaren Anteil der Prim\u00e4renergie bezeichnen wir als&nbsp;<strong>End- oder Sekund\u00e4renergie <\/strong> (Abb 2). Diese beziehen die Nutzer (Haushalte, Industrie, Gewerbe) als Strom, Fernw\u00e4rme, Benn- oder Kraftstoffe. 2018 betrug die genutzte Endenergie 2.494 TWh, also nur 73% der Prim\u00e4renergie. Auch die Endenergie nutzen wir nicht vollst\u00e4ndig, da z.B. beim Verbrennen von Benzin oder Diesel auch ein Teil der Endenergie in W\u00e4rme \u00fcberf\u00fchrt wird. Anderes Beispiel: Beim Nutzen eines Mixger\u00e4ts in der K\u00fcche wird elektrische Energie in mechanische Energie \u00fcberf\u00fchrt &#8211; ein Teil der nutzbaren Energie geht als W\u00e4rme verloren, der Mixer wird warm. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"620\" src=\"https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Energie2-1024x620.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3412\" srcset=\"https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Energie2-1024x620.png 1024w, https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Energie2-300x182.png 300w, https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Energie2-768x465.png 768w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Abbildung 2: Zusammenhang zwischen Prim\u00e4r-, End- und Nutzenergie. Nur wichtige Umwandlungen von Prim\u00e4r- zur Endenergie sind angezeigt. Unter Endenergie verstehen wir die Energietr\u00e4ger, welche die Nutzer beziehen k\u00f6nnen. Es sei noch angemerkt, dass nach dem Energie-Erhaltungssatz Energie nicht verloren gehen kann. In diesem Sinne beschreibt der Begriff Verlust in dieser Abbildung den Verlust f\u00fcr uns nutzbarer Energie. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Betrachten wir jetzt den Anteil erneuerbarer Energien, dann sieht es wie folgt aus:&nbsp;&nbsp;244 TWh regenerativer Strom stehen einem Endenergieverbrauch von 2.494 TWh gegen\u00fcber. Wenn wir jetzt noch andere regenerative Energiequellen ber\u00fccksichtigen, die nicht zur Stromproduktion verwendet werden wie z.B. Holz f\u00fcr die Pelletheizung oder Umgebungsw\u00e4rme zum Heizen, dann liegt der <strong>Anteil regenerativer Energieformen derzeit laut <\/strong><a href=\"https:\/\/www.umweltbundesamt.de\/daten\/energie\/primaerenergieverbrauch#entwicklung-und-ziele\"><strong>Umweltbundesamt<\/strong><\/a><strong> bei etwa 15%<\/strong>. Das klingt leider ganz anders, als die fast 50% Anteil des regenerativen Stroms am gesamten aktuellen Strombedarf.  Wenn wir also fragen, wie viel regenerativen Strom Deutschland eigentlich braucht, dann wird dies aus diesen Zahlen deutlich. Auf dem Weg zu einer klimaneutralen Gesellschaft m\u00fcssen wir n\u00e4mlich alle fossilen Brennstoffe komplett durch regenerative Quellen ersetzen. Mit anderen Worten: In allen Lebensbereichen m\u00fcssen wir den Energiebedarf  elektrisch abdecken. Es geht also nicht nur darum, den Stromverbrauch aus regenerativen Quellen zu decken, sondern auch das Verbrennen fossiler Brennstoffe f\u00fcr Mobilit\u00e4t, Heizung oder Industrie. Wir brauchen also Autos und Busse, die mit Elektromotor (z.B. mit Batterie oder Brennstoffzelle) betrieben werden, elektrisch betriebene W\u00e4rmepumpen statt \u00d6l- oder Gasheizungen oder <a href=\"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=3169\">gr\u00fcnen Wasserstoff <\/a>und <a href=\"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=1515\">synthetische Kraftstoffe<\/a> f\u00fcr die Zement- und Stahlindustrie, Reservekraftwerke oder den Betrieb von Lkws oder Flugzeugen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen f\u00fcr den regenerativen Strom werden im Wesentlichen die Windkraft und die Photovoltaik sein.<\/strong> Bei der Wasserkraft gibt es bei uns kaum noch Ausbaupotential. Die Biomasseproduktion in Deutschland (im Wesentlichen Mais) ist begrenzt und steht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Auch die Verwendung von Holz ist limitiert: So geben regionale W\u00e4lder nur begrenzt Holzabf\u00e4lle her und eine Abholzung steht oft im Widerspruch zu z.B. dem Erhalt der Artenvielfalt. Auch macht der Import von Holz \u00fcber lange Strecken wenig Sinn, da dies mit einer schlechten Transport\u00f6kobilanz verbunden ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Verschiedene Studien (siehe Angaben am Ende des Beitrags) haben untersucht, wieviel der Endenergie von knapp 2.500 TWh in Form regenerativen Stroms produziert werden muss, um unsere Treibhausgasemissionen bis 2050 auf nahezu Null zu dr\u00fccken. Dabei geben diese Studien jeweils unterschiedliche Szenarien an. Ber\u00fccksichtigt werden beispielsweise unterschiedliche Verhaltensweisen der Nutzer, m\u00f6gliche Steigerungen der Effizienz oder unterschiedliche Szenarien f\u00fcr den Import regenerativer Energie als gr\u00fcnen Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe. Das Ergebnis:&nbsp;<strong>Im Vergleich zum heutigen Stand m\u00fcssen wir in Deutschland&nbsp;f\u00fcnf bis siebenmal mehr regenerativen Strom&nbsp;erzeugen als heute.&nbsp;<\/strong>Um die Klimaziele f\u00fcr Deutschland entsprechend des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen, m\u00fcsste dies eher bis 2035 als bis 2050 erreicht werden. Daraus ergeben sich wiederum verschiedene Szenarien, wie viel Windkraft (auf Land oder auf See) bzw. Photovoltaik pro Jahr zugebaut werden m\u00fcssen. Und in allen Szenarien ist dies deutlich mehr als in der Vergangenheit und eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr unsere Gesellschaft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong>: Um die Energiewende in Deutschland zu schaffen, brauchen wir einen massiven Ausbau von Photovoltaik und Windkraft, was auch politisch erm\u00f6glicht werden muss. Neben gro\u00dfen Stromanbietern, die sich um Freifl\u00e4chen-PV-Anlagen oder Windr\u00e4der k\u00fcmmern, m\u00fcssen sich auch viele Hausbesitzer (PV-Anlagen) und Mieter (z.B. Mini-PV Anlagen auf dem Balkon) beteiligen. Dennoch gilt: Je bewusster wir als Verbraucher mit der Energie umgehen und je weniger wir verschwenden, um so einfacher und g\u00fcnstiger wird diese Transformation. Ein nachhaltiges und Ressourcen-schonender Lebensstil hilft bei diesem \u00dcbergang.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bundesverband der Deutschen Industrie, <a href=\"https:\/\/bdi.eu\/publikation\/news\/klimapfade-fuer-deutschland\/\">Klimapfade f\u00fcr Deutschland<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Deutsche Energieagentur, <a href=\"https:\/\/www.dena.de\/fileadmin\/dena\/Dokumente\/Pdf\/9261_dena-Leitstudie_Integrierte_Energiewende_lang.pdf\">Dena-Leitstudie Integrierte Energiewende<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Frauenhofer Institut f\u00fcr solare Energiesystem ISE: <a href=\"https:\/\/www.ise.fraunhofer.de\/content\/dam\/ise\/de\/documents\/publications\/studies\/Fraunhofer-ISE-Studie-Wege-zu-einem-klimaneutralen-Energiesystem.pdf\">Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem&nbsp;<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneuralit\u00e4t, <a href=\"https:\/\/static.agora-energiewende.de\/fileadmin2\/Projekte\/2020\/2020_10_KNDE\/A-EW_192_KNDE_Zusammenfassung_DE_WEB.pdf \">Klimaneutrales Deutschland<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>UBA, Rescue Studie, <a href=\"https:\/\/www.umweltbundesamt.de\/sites\/default\/files\/medien\/376\/publikationen\/rescue_kurzfassung_dt.pdf\">Kurzfassung<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.umweltbundesamt.de\/rescue\">Langfassung<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Handbuch Klimaschutz, Oekom Verlag, 2020<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, wie nahe Windr\u00e4der an Siedlungen stehen sollten, hat im letzten Jahr die \u00f6ffentliche Diskussion um das Thema regenerativen Strom gepr\u00e4gt. 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