{"id":4078,"date":"2021-12-04T17:40:18","date_gmt":"2021-12-04T17:40:18","guid":{"rendered":"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=4078"},"modified":"2022-07-31T07:43:36","modified_gmt":"2022-07-31T07:43:36","slug":"drei-wege-aus-der-krise-oder-doch-nur-einer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=4078","title":{"rendered":"Drei Wege aus der Krise \u2013 oder doch nur einer?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn wir \u00fcber Strategien diskutieren, wie der Klimawandel aufzuhalten ist, begegnen wir immer wieder \u00e4hnlichen Argumentationen. Da h\u00f6ren wir: Der Einzelne m\u00f6ge verzichten, neue Techniken und Technologieoffenheit werden das Problem schon l\u00f6sen oder erstmal m\u00fcssen die Chinesen ran, bevor wir hier etwas machen m\u00fcssen und wir in Deutschland sind doch eh zu unbedeutend. Die Liste der Argumente l\u00e4sst sich lang fortf\u00fchren. Trotz der Vielfalt der Argumente k\u00f6nnen wir verschiedene wiederkehrende Argumentationsmuster erkennen, die wir heute hier vorstellen wollen&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"776\" height=\"286\" src=\"https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4079\" srcset=\"https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image.jpeg 776w, https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image-300x111.jpeg 300w, https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image-768x283.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die hier vorgestellte Einteilung geht zur\u00fcck auf Uwe Schneidewind, den langj\u00e4hrigen Direktor des Wuppertal Instituts. In seinem Buch \u201eDie gro\u00dfe Transformation \u2013 Die Kunst des gesellschaftlichen Wandels\u201c (2018) stellt er drei Argumentationslinien vor, die er erstmal 2016 zusammen mit Karoline Augenstein in ihrer Arbeit&nbsp;<em>Three Schools of Transformation thinking&nbsp;<\/em>pr\u00e4sentierte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viele sehen die Entwicklung&nbsp;<strong>neuer Technologien<\/strong>&nbsp;als wichtigsten Baustein im Kampf gegen den Klimawandel an. Uwe Schneidewind bezeichnet diese Gruppe als&nbsp;<strong>Inventionisten<\/strong>. Technologische Entwicklungen, auf englisch&nbsp;<em>invention<\/em>, tragen zur Effizienzsteigerung bei und helfen so, die uns zur Verf\u00fcgung stehende Energie bestm\u00f6glich zu nutzen.&nbsp;<strong>Effizienz<\/strong>&nbsp;ist hier also das Schlagwort. Typische Argumentationsmuster betreffen die Debatte zur sogenannten Technologieoffenheit, die Vermeidung vermeintlicher technologischer Festlegungen und die Kraft des freien Marktes. Getragen wird dieses Konzept von der Idee des Wirtschaftswachstums und einer Marktwirtschaft, die jetzt einer erg\u00e4nzenden \u00f6kologischen Komponente bedarf. Von sozial-\u00f6kologischer Marktwirtschaft ist die Rede. Andere sprechen von einem&nbsp;<em>Green New Deal.&nbsp;<\/em>Arbeitspl\u00e4tze und Wohlstand werden hier versprochen. Ohne jeden Zweifel leisten technische Entwicklungen zur Erreichung des Klimaziels einen wichtigen Beitrag. Tats\u00e4chlich hat aber die Erfahrung gezeigt, dass die Einsparungen durch Energieeffizienz oft durch&nbsp;<strong><em>Rebound<\/em><\/strong>&nbsp;<strong>Effekte<\/strong>&nbsp;zunichte gemacht wurden. Zwar sind die Motoren unserer Autos immer effizienter, zugleich sind die Autos aber auch gr\u00f6\u00dfer und schwerer geworden. Den Effizienzgewinn haben wir also in Wohlstand und Bequemlichkeit investiert, also beispielsweise elektrische Fensterheber, Sitzheizungen, Klimaanlagen, Scheinwerfer-Waschanlagen usw&#8230; Und weil das Autofahren g\u00fcnstiger geworden ist, fahren wir eben noch mehr Kilometer. Technologischer Fortschritt hat also auch immer zu neuen Begehrlichkeiten gef\u00fchrt. So sind gewisse Zweifel, ob durch neue Technologien&nbsp;alleine&nbsp;das Ziel der Energiewende erreicht werden kann, also mehr als angebracht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Den Inventionisten vermeintlich diametral entgegen stehen die von Schneidewind und Augenstein als&nbsp;<strong>Idealisten<\/strong>&nbsp;bezeichnete Gruppe.&nbsp;Diese argumentieren mit der Idee einer globalen und Generationen-\u00fcbergreifenden Gerechtigkeitsvorstellung, wie erstmals 1979 von Hans Jonas in seinem Buch \u201eDas Prinzip Verantwortung\u201c als Verantwortungsethik dargestellt. Abgeleitet von Kants kategorischen Imperativ: \u201eHandle so, dass du auch wollen kannst, dass deine Maxime allgemeines Gesetz werden kann\u201c und angewandt auf die heutigen \u00f6kologischen Herausforderungen formulierte Jonas: \u201eHandle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen vertr\u00e4glich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.\u201c&nbsp;Aus diesen \u00dcberlegungen abgeleitet wird daraus der moralische Anspruch &#8211; an sich selbst aber auch an andere -, mit Energie und Ressourcen sorgsam umzugehen und beides nicht zu verschwenden.&nbsp;<strong>Suffizienz<\/strong>, sprich Gen\u00fcgsamkeit, steht im Zentrum der Bem\u00fchungen. Zuweilen geht dies so weit, andere Formen des Wirtschaftens zu fordern, die auf die Wachstumsorientierung verzichten. Die Postwachstums\u00f6konomie steht hier beispielhaft. Auch an dieser Strategie k\u00f6nnen Zweifel angebracht sein. Ein Verzicht ist leicht aus der Situation der Wohlstandss\u00e4ttigung und des Hyperkonsums zu fordern. Allerdings wird dies viele Menschen in anderen L\u00e4ndern der Erde, die eher an einem wachsenden Wohlstand interessiert sind, kaum interessieren. Trotzdem liegt ein wichtiges Argument auf der Hand: Je sorgsamer wir mit Ressourcen und Energie umgehen, um so leichter wird die Energiewende fallen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als dritte Gruppe sehen Schneidewind und Augenstein die&nbsp;<strong>Institutionalisten<\/strong>. Sie sehen die L\u00f6sung der Klimakrise im staatlichen \u2013 insbesondere zwischenstaatlichen \u2013 Handeln. Sie sind der Meinung, dass der Einfluss des Einzelnen zu klein ist und nur&nbsp;<strong>staatliche Vorgaben<\/strong>&nbsp;(Steuern, Verbote, Anreize etc.) einen entsprechend gro\u00dfen Hebel haben. Nur so k\u00f6nne erreicht werden, dass m\u00f6glichst viele ihr Verhalten \u00e4ndern. Auch sehen Institutionalisten den Staat in der Verantwortung, in Form von zwischenstaatlichen Vereinbarungen viele L\u00e4nder zum Mitmachen zu bewegen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Besondere an diesen drei Gruppen ist, dass sie h\u00e4ufig die gegenseitige Position ablehnen oder gar verteufeln. So werfen Idealisten den Inventionisten den&nbsp;<em>Rebound<\/em>&nbsp;Effekt vor und sehen in jeder technologischen Entwicklung ein Einfallstor f\u00fcr einen weiteren Ressourcenverbrauch. Umgekehrt argumentieren die Inventionisten, dass ein Verzicht, wie von den Idealisten eingefordert, zu sinkendem Wohlstand oder gar Armut f\u00fchrt. Dass diese Diskussionen nicht sehr zielf\u00fchrend sind, liegt auf der Hand und dass die Wahrheit wie so oft im Leben in der Mitte liegt, wird h\u00e4ufig ausgeblendet. Die Energiewende gelingt dann am besten, wenn wir uns nicht nur auf neue Technologien und die Steigerung der Energieeffizienz beschr\u00e4nken. Je sparsamer wir mit der Energie umgehen, je bewusster wir uns die Folgen des eigenen Handelns machen, umso einfacher gelingt es uns, nicht nur unser Stromsystem, sondern auch unser gesamtes Energiesystem klimaneutral zu gestalten. Und, wenn wir klare staatliche Vorgaben in bestimmten Bereichen haben, wird uns das gemeinschaftlichen Handeln leichter fallen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ganz offensichtlich brauchen wir alle drei L\u00f6sungsstrategien. Dies beinhaltet sicher das Ablegen m\u00f6glicherweise vorhandener ideologischer Scheuklappen bei allen Beteiligten.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Referenzen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Blogbeitrag beruht auf einem Vortrag auf dem 2. Innovationskongress an der Technischen Hochschule Ulm und ist eine \u00fcberarbeitete Version eines Auszugs des dazu publizierten Beitrags. <a href=\"https:\/\/oparu.uni-ulm.de\/xmlui\/handle\/123456789\/38579\">Hier<\/a> findet sich der ganze Beitrag.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Jonas (1979) Das Prinzip Verantwortung, Insel Verlag. Neuauflage 2020, Suhrkamp<\/p>\n\n\n\n<p>Schneidewind (2018) Die gro\u00dfe Transformation \u2013 Die Kunst des gesellschaftlichen Wandels\u201c, Fischer Taschenbuch<\/p>\n\n\n\n<p>Schneidewind und Augenstein (2016) Three Schools of Transformation thinking, <a href=\"https:\/\/epub.wupperinst.org\/frontdoor\/deliver\/index\/docId\/6408\/file\/6408_Schneidewind.pdf\">GAIA 25, 88-93<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir \u00fcber Strategien diskutieren, wie der Klimawandel aufzuhalten ist, begegnen wir immer wieder \u00e4hnlichen Argumentationen. 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