{"id":4124,"date":"2022-01-04T08:37:10","date_gmt":"2022-01-04T08:37:10","guid":{"rendered":"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=4124"},"modified":"2022-02-19T08:12:27","modified_gmt":"2022-02-19T08:12:27","slug":"die-sache-mit-der-kernenergie-die-kosten-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=4124","title":{"rendered":"Die Sache mit der Kernenergie: Die Kosten (Teil 2)"},"content":{"rendered":"\n<p>Im ersten Beitrag zu Thema Kernenergie haben wir betrachtet, wie hoch der Anteil der Kernenergie weltweit am produzierten Strom bzw. am Prim\u00e4renergiebedarf ist. Heute wollen wir der Frage nachgehen, ob Kernenergie aus rein finanzieller Sicht eine Option w\u00e4re, um den Anstieg der Treibhausgasemissionen zu bremsen. Teil 2 unserer Serie tr\u00e4gt daher den Titel:&nbsp;<strong>Die Kosten der Kernkraft und des Atomstroms<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Atom_Strom_Dollar.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4131\" width=\"191\" height=\"195\" srcset=\"https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Atom_Strom_Dollar.jpg 613w, https:\/\/klimaandmore.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Atom_Strom_Dollar-294x300.jpg 294w\" sizes=\"(max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Im ersten <a href=\"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=4106\">Beitrag<\/a> dieser Serie haben wir festgestellt, dass etwas mehr als 400 Kernkraftwerke etwa 4 Prozent des globalen Prim\u00e4renergiebedarfs und etwa 10 Prozent des globalen Strombedarfs bereitstellen k\u00f6nnen. Aufgrund des hohen Alters der bestehenden nuklearen Infrastruktur wird dieser Anteil in den n\u00e4chsten Jahren vermutlich sinken. Um einen signifikanten Beitrag zur Bek\u00e4mpfung des Klimawandels leisten zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste folglich in kurzer Zeit eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl an Kernkraftwerken gebaut werden. Mit welchen Kosten w\u00e4re dies verbunden? Schauen wir zun\u00e4chst einmal auf zwei aktuelle Bauvorhaben in Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kernkraftwerk&nbsp;<strong>Flamanville-3<\/strong>&nbsp;in Frankreich sollte urspr\u00fcnglich 3,3 Milliarden Euro kosten. Die aktuellen Planungen gehen davon aus, dass es im Jahr 2023 mit 11 Jahren Versp\u00e4tung ans Netz gehen soll und sich die Kosten dann auf 19 Milliarden Euro belaufen werden. \u00c4hnlich sieht es f\u00fcr das Kernkraftwerk&nbsp;<strong>Hinkley Point C<\/strong>&nbsp;in Gro\u00dfbritannien aus. Urspr\u00fcnglich sollte es 2017 in Betrieb gehen, jetzt ist von 2026 die Rede. Mit 27 Milliarden Euro wird der Reaktor dann etwa doppelt so viel kosten wie urspr\u00fcnglich geplant. Letzterer wird \u00fcbrigens auch aus China mitfinanziert. \u00c4hnlich hohe Kosten, ausufernde Kostenentwicklungen und verz\u00f6gerte Fortschritte im Bau gibt es auch von den Kraftwerten&nbsp;<strong>Olkiluoto<\/strong>&nbsp;(Finnland) oder&nbsp;<strong>Vogtle-3 und -4<\/strong>&nbsp;(USA) zu berichten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesen Kosten f\u00fcr den Bau von Kernkraftwerken sind die zuk\u00fcnftigen Kosten f\u00fcr R\u00fcckbau und Endlagerung des anfallen Atomm\u00fclls noch nicht eingerechnet. Aus den bisherigen R\u00fcckbauten von Kernkraftwerken kann man absch\u00e4tzen, dass allein der Abriss eines Reaktors in etwa 1 Milliarde Euro kostet und viele Jahre dauert. So befanden sich alleine Mitte 2021 weltweit&nbsp;<strong>196 Reaktoren<\/strong>&nbsp;im R\u00fcckbau. Die Kosten f\u00fcr die langfristige, sichere Endlagerung des Atomm\u00fclls sind bisher \u00fcbrigens noch nicht bekannt. Bis heute gibt es auch kein in Betrieb befindliches Endlager, wenn man mal von der Einleitung von radioaktiven Abf\u00e4llen in die Weltmeere absieht, wie es in der Vergangenheit schon gemacht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir uns jetzt einen anderen wichtigen Parameter an, die sogenannten&nbsp;<strong>Stromgestehungskosten<\/strong>. Mit diesen werden die Kosten in Cent pro kWh berechnet, die anfallen, wenn Strom \u00fcber verschiedene Verfahren hergestellt wird. So bezieht sich dieser <a href=\"https:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/user_upload_bund\/publikationen\/atomkraft\/uranatlas_2019.pdf\">Bericht<\/a> f\u00fcr 2018 auf das Frauenhofer-Institut f\u00fcr Solare Energiesysteme und gibt folgende Mittelwerte an:<\/p>\n\n\n\n<p>Biogas: 12,4 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>Atom: 12 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>Wind offshore: 10,7 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>Gas: 9,5 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>Steinkohle: 9,4 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>PV Dach in Norddeutschland: 9,2 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>Braunkohle: 7,1 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>PV Dach in S\u00fcddeutschland: 6,7 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>Wind onshore: 6,1 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>PV Freifl\u00e4che Norddeutschland: 6 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>PV Freifl\u00e4che S\u00fcddeutschland: 4,3 Ct\/kWh<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, wie sich die Stromgestehungskosten \u00fcber die letzten Jahre ver\u00e4ndert haben. Und auch hier ist das Bild sehr klar: W\u00e4hrend die Kosten f\u00fcr die Produktion von Strom aus Photovoltaik bzw. Windkraft von 2009 bis heute um ca. 90% bzw. 70% gefallen sind, sieht dies bei der Atomkraft anders aus: Hier gab es im gleichen Zeitraum ein Plus von 33%.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Aufstellungen zeigen, dass bei einem Neubau Atomkraftwerke schon heute nicht mit Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energien mithalten k\u00f6nnen. Schauen wir uns das einmal konkret am Bau von Flamanville-3 an. Seit 2007 wird an diesem Reaktor mit einer geplanten Leistung von 1600 MW gebaut. Die Kosten (siehe oben) werden aktuell auf 19 Milliarden Euro veranschlagt. Zum Vergleich: Der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Offshore-Windpark_Hornsea). Und auch das Kraftwerk Hinkley Point C in Gro\u00dfbritannien ist nur deshalb konkurrenzf\u00e4hig, da\">Windpark Hornsea One<\/a> in England wurde zwischen 2018 und 2020 in 20 Monaten errichtet, hat eine Leistung von etwa 1200 MW und hat etwa 2,65 Milliarden Euro gekostet. Und auch das Kraftwerk Hinkley Point C in Gro\u00dfbritannien ist nur deshalb konkurrenzf\u00e4hig, da der Staat einen Preis von 90 Euro pro MWh produzierten Strom garantiert. Fairerweise muss man festhalten, dass auch erneuerbare Energien subventioniert wurden und werden. Allerdings gibt es bereits erste Windparks, die auch ohne Subventionen arbeiten und Strom im Bereich von 50 Euro pro MWh anbieten k\u00f6nnen. Siehe dazu Informationen <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/klima-nachhaltigkeit\/nature-energy-offshore-windkraft-ohne-subventionen-16878614.html\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.energiezukunft.eu\/erneuerbare-energien\/wind\/subventionen-nicht-mehr-noetig\/.\">hier<\/a>. H\u00e4ufig wird behauptet, dass kleinere Reaktoren, die sogenannten<em> small modular reactors<\/em> (SMR), die aktuell entwickelt werden, kosteng\u00fcnstiger sein werden. Im vierten Teil dieser Serie werden wir auf die aktuellen Erkenntnisse hierzu eingehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Kernreaktoren sind auch im laufenden Betrieb unwirtschaftlich. So wurden zwischen 2009 und 2021 alleine in der USA 12 Kernkraftwerke aus diesen Gr\u00fcnden <a href=\"https:\/\/zenodo.org\/record\/5573719#.Yc3kvy_34q8\">vom Netz genommen<\/a>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong>: Atomstrom ist auf dem Markt nicht konkurrenzf\u00e4hig und kann&nbsp;<strong><u>nur<\/u><\/strong>&nbsp;aufgrund von Subventionen bestehen. Die Bestrebungen, die Treibhausgasemissionen zu senken, werden durch den Ausbau der erneuerbaren Energien und Speicherm\u00f6glichkeiten (Stichwort Wasserstoff) deutlich besser unterst\u00fctzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die weiteren Teile dieser Serie werden hier nach Erscheinen verlinkt:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/klimaandmore.de\/?p=4106\">Teil 1: Die aktuelle Lage der Kernenergie<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Teil 3: Kernkraft ist nicht klimaneutral<\/p>\n\n\n\n<p>Teil 4: Kleine Reaktoren: Small modular reactors (SMR)<\/p>\n\n\n\n<p>Teil 5: Die offenen Probleme der Kernkraft<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.worldnuclearreport.org\/-World-Nuclear-Industry-Status-Report-2021-.html\">World Nuclear Industry Report<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Uranatlas des <a href=\"https:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/user_upload_bund\/publikationen\/atomkraft\/uranatlas_2019.pdf\">BUND<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Stellungnahme der Scientists 4 Future zum Thema <a href=\"https:\/\/zenodo.org\/record\/5573719#.Yc3kvy_34q8\">Kernkraft<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<p>Artikel in der <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/technologie\/wirtschaft-von-oben\/wirtschaft-von-oben-132-kernkraft-neue-atomkraftwerke-hier-entscheidet-sich-die-zukunft-der-kernenergie\/27816882.html\">Wirtschaftswoche<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Artikel der Deutschen Welle, <a href=\"http:\/\/: https:\/\/www.dw.com\/de\/atomkraft-ende-renaissance-endlagersuche-deutschland-usa-china-indien-russland-polen-erneuerbare\/a-56442340\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/world-nuclear-industry-status-report-mycle-schneider-zukunft-der-kernenergie-weltweit\/a-56458345\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Updates<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>24.1.2022: Ein Satz im 5. Absatz wurde zur Klarstellung umformuliert. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten Beitrag zu Thema Kernenergie haben wir betrachtet, wie hoch der Anteil der Kernenergie weltweit am produzierten Strom bzw. am Prim\u00e4renergiebedarf ist. Heute wollen wir der Frage nachgehen, ob Kernenergie aus rein finanzieller Sicht eine Option w\u00e4re, um den Anstieg der Treibhausgasemissionen zu bremsen. 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